Warum im Flugzeug so viele Menschen Tomatensaft bestellen
Kaum rollt der Getränkewagen heran, bestellen erstaunlich viele Fluggäste Tomatensaft. Dahinter steckt kein Zufall, sondern ein verblüffender Effekt auf den Geschmackssinn.
Das Wichtigste in Kürze
- In der Kabine herrscht ein Luftdruck wie in etwa 2000 bis 2500 Metern Höhe, und die Luft ist sehr trocken.
- Salziges und Süßes schmecken an Bord schwächer, der herzhafte Umami-Geschmack bleibt vergleichsweise stark.
- Eine Untersuchung im Flugzeug-Simulator ergab, dass Tomatensaft unter Kabinenbedingungen fruchtiger schmeckt.
- Regelmäßig Wasser trinken hilft gegen trockene Schleimhäute, besonders auf langen Flügen.
Inhalt dieses Artikels
Es ist eines der kleinen Rätsel des Reisens: Am Boden greift kaum jemand zu Tomatensaft. Doch kaum ist das Flugzeug in der Luft und der Getränkewagen rollt durch den Gang, bestellen ihn erstaunlich viele Fluggäste. Manche trinken ihn mit Salz und Pfeffer, manche pur, viele ganz selbstverständlich.
Ist das nur eine Gewohnheit, die sich irgendwann eingeschlichen hat? Nicht ganz. Über den Wolken funktioniert der Geschmackssinn anders als am Küchentisch, und Tomatensaft profitiert davon wie kaum ein anderes Getränk.
Was in der Flugzeugkabine mit dem Geschmack passiert
An Bord wirken gleich mehrere Faktoren auf die Sinne, die es am Boden so nicht gibt:
- der geringere Luftdruck in der Kabine,
- die sehr trockene Luft,
- das gleichmäßige Rauschen von Triebwerken und Luftströmung.
Luftdruck wie auf einem Berg
Verkehrsflugzeuge fliegen in Reiseflughöhe meist rund 10 Kilometer hoch oder höher. Damit die Fluggäste dort gut atmen können, wird die Kabine unter Druck gesetzt, allerdings nicht auf Bodenniveau. Der Luftdruck an Bord entspricht in der Regel dem in etwa 2000 bis 2500 Metern Höhe, also ungefähr dem auf einem Berg in den Alpen.
Trockene Luft
Hinzu kommt die Luftfeuchtigkeit. Die Außenluft in großer Höhe ist extrem trocken, und auch in der Kabine liegt die relative Luftfeuchtigkeit oft unter 20 Prozent. In Wohnräumen gelten dagegen meist 40 bis 60 Prozent als angenehm, wie der Beitrag zur Luftfeuchtigkeit bei Heizungsluft erklärt.
Trockene Schleimhäute in Nase und Mund und der niedrigere Druck dämpfen die Sinne. Besonders der Geruchssinn leidet, und der ist für das Geschmackserlebnis viel wichtiger, als viele denken: Ein großer Teil dessen, was als Aroma wahrgenommen wird, kommt eigentlich über die Nase.
Salz und Süße verlieren an Kraft
Die Folge: An Bord werden vor allem Salziges und Süßes schwächer wahrgenommen. Speisen, die am Boden gut gewürzt sind, schmecken in der Luft oft fad. Umami dagegen, der herzhaft-würzige fünfte Grundgeschmack, bleibt vergleichsweise stark. Und genau hier kommt die Tomate ins Spiel: Sie enthält von Natur aus reichlich Glutamat, das für Umami sorgt.
Die Tomatensaft-Untersuchung im Flugzeug-Simulator
Dass hinter dem Phänomen mehr steckt als Gewohnheit, legt eine Untersuchung aus dem Jahr 2010 nahe. Im Auftrag der Lufthansa untersuchte das Fraunhofer-Institut für Bauphysik, wie Speisen und Getränke unter Kabinenbedingungen schmecken. Dafür nutzten die Forschenden einen Flugzeug-Simulator, in dem sich unter anderem der niedrigere Luftdruck einer Flugzeugkabine nachstellen lässt. Testpersonen probierten dort verschiedene Lebensmittel, darunter Tomatensaft.
Das Ergebnis passt zum Phänomen: Unter Kabinenbedingungen schmeckte den Testpersonen der Tomatensaft fruchtiger und angenehmer als am Boden. Eine naheliegende Erklärung: Wenn Salz und Süße schwächer wirken, rücken der fruchtige Charakter und der Umami-Geschmack der Tomate in den Vordergrund.
Eine einzelne Untersuchung ist natürlich kein endgültiger Beweis. Sie liefert aber eine plausible Erklärung dafür, warum so viele Menschen ausgerechnet im Flugzeug Lust auf ein Getränk bekommen, das sie zu Hause kaum anrühren.
Ich selbst habe jahrelang über die vielen Tomatensaft-Bestellungen um mich herum gestaunt, bis ich es auf einem Flug in den Familienurlaub einfach ausprobiert habe. Am Boden mag ich ihn bis heute nicht besonders, über den Wolken fand ich ihn erstaunlich gut. Seitdem bestelle ich ihn fast jedes Mal.
Auch der Lärm spielt mit
Neben Druck und Trockenheit gibt es einen dritten Faktor, den viele unterschätzen: den Lärm. Das gleichmäßige Rauschen in der Kabine ist so allgegenwärtig, dass es nach einer Weile kaum noch auffällt. Trotzdem wirkt es auf die Sinne.
Studien deuten darauf hin, dass laute Hintergrundgeräusche den Geschmack verändern. In einer Untersuchung wurde Süßes bei lautem Hintergrundlärm schwächer wahrgenommen, Umami dagegen eher intensiver. Damit spielt auch der Lärm dem Tomatensaft in die Karten: Ausgerechnet der Geschmack, für den die Tomate bekannt ist, bleibt im Flugzeug besonders präsent.
Warum Airlines kräftiger würzen
Die veränderten Sinne stellen Bordküchen vor eine echte Herausforderung. Damit das Essen in der Luft nicht fad schmeckt, würzen Airlines ihre Gerichte oft kräftiger, als es am Boden üblich wäre. Statt nur mehr Salz zu verwenden, setzen viele auf Kräuter, Gewürze, Zitrusnoten und Zutaten mit viel Umami, etwa Tomaten, Pilze oder gereiften Käse.
Wer eigenes Essen mit an Bord nimmt, kann sich das zunutze machen: Ein herzhaft gewürztes Sandwich schmeckt über den Wolken meist besser als ein eher mildes. Süßes wie ein Stück Kuchen wirkt dagegen oft weniger süß als gewohnt.
So fühlen Sie sich an Bord wohler
Die trockene Kabinenluft beeinflusst nicht nur den Geschmack, sondern auch das Wohlbefinden. Viele Fluggäste kennen trockene Augen, eine trockene Nase oder spröde Lippen. Mit ein paar einfachen Gewohnheiten wird der Flug angenehmer.
Nach der Landung tut ein Spaziergang an der frischen Luft gut, um nach dem langen Sitzen wieder in Schwung zu kommen. Warum sich tägliches Spazierengehen auch sonst lohnt, lesen Sie in einem eigenen Beitrag.
Fazit
Tomatensaft im Flugzeug ist kein Zufall und keine reine Gewohnheit. Niedriger Kabinendruck, trockene Luft und Lärm dämpfen vor allem die Wahrnehmung von Salz und Süße, während Umami vergleichsweise stark bleibt. Davon profitiert die Tomate, die von Natur aus reich an Glutamat ist.
Wer das nächste Mal fliegt, kann den Effekt selbst ausprobieren. Und unabhängig davon, was im Glas landet: Wasser zwischendurch ist auf jedem Flug eine gute Idee.
Häufige Fragen
Schmeckt Tomatensaft im Flugzeug wirklich anders?
Viele Menschen empfinden das so, und es gibt eine plausible Erklärung. Unter Kabinenbedingungen werden Salz und Süße schwächer wahrgenommen, Umami bleibt vergleichsweise stark. Eine Untersuchung im Flugzeug-Simulator kam zu dem Ergebnis, dass Tomatensaft dort fruchtiger und angenehmer schmeckt.
Warum schmeckt Flugzeugessen oft fad?
Trockene Luft, niedriger Kabinendruck und Lärm dämpfen vor allem die Wahrnehmung von Salz und Süße. Airlines würzen deshalb meist kräftiger, ganz ausgleichen lässt sich der Effekt aber nicht.
Wie viel sollte man auf einem Flug trinken?
Eine feste Menge für Flüge gibt es nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen als Orientierung rund 1,5 Liter Getränke am Tag, in trockener Kabinenluft darf es gern etwas mehr Wasser sein. Wer wegen einer Erkrankung auf die Trinkmenge achten muss, bespricht das am besten mit der Ärztin oder dem Arzt.
Quellen und Hintergrund
- Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP): Untersuchung zum Geschmack unter Kabinenbedingungen
- Weltgesundheitsorganisation (WHO): Gesundheitshinweise für Flugreisende
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Empfehlungen zur Wasserzufuhr
Dieser Artikel wurde nach unseren Redaktionsrichtlinien recherchiert und zuletzt am 2. Oktober 2026 geprüft. Die Angaben ersetzen keine individuelle Beratung.
Sabine Müller
Gründerin und Chefredakteurin · Breisgau, Baden-Württemberg
Sabine Müller schreibt seit über 20 Jahren über Haushalt, Garten, Ernährung und Verbraucherfragen. Die gelernte Redakteurin lebt mit ihrer Familie, Hündin Frieda und Kater Moritz im Breisgau und testet viele Alltagstipps zuerst im eigenen Zuhause.
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